Das Geheimnis des Lächelns

Ein Lächeln kann vieles signalisieren - Freude, guten Willen, Unsicherheit, Überheblichkeit. Es bietet also tiefe Einblicke in das Gefühlsleben anderer. Um seine Bedeutung zu entschlüsseln, müssen wir unser Gegenüber imitieren, glauben Forscher.

Es ist der Gesichtsausdruck, der dem Menschen tatsächlich in die Wiege gelegt ist. Schon mit wenigen Monaten können Babys lächeln – um sich damit selbst bei Fremden Wohlwollen und Zuneigung zu sichern. Und was bereits im Windelalter klappt, funktioniert ein Leben lang, wie Irenäus Eibl-Eibesfeld ganz richtig erkannte. „Mit dieser Verhaltensweise sind wir in der Lage, uns mit völlig Unbekannten anzufreunden“, so der österreichische Verhaltensforscher über die entwaffnende Wirkung des Lächelns. Doch es kann auch eine gefährliche Waffe sein. So beschreibt Eibl-Eibesfeldt in seinem Buch „Liebe und Hass. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen“, zum Beispiel die Begegnung eines amerikanischen Soldaten mit zwei Vietcong während des Vietnamkrieges: „Sein Gewehr versagte, und da lächelte er, was seine Gegner hemmte. Misstrauen und Angst ließen den angebahnten Kontakt jedoch sofort wieder ersterben. Der Amerikaner lud durch und tötete seine Gegner.“

Die brutale Anekdote zeigt: Jeder erkennt zwar ein Lächeln. Aber was dieser Gesichtsausdruck genau bedeuten soll, das kann sehr viel schwerer herauszufinden sein. Denn obwohl das gelbe Smiley-Symbol schon sprichwörtlich für gute Laune steht, muss Lächeln nicht unbedingt Freude ausdrücken. Dahinter kann auch Unsicherheit oder Überheblichkeit stecken. Ebenso kann es schelmisch, bösartig, spöttisch oder auch geheimnisvoll sein: So wie bei der Protagonistin in Leonardo Da Vincis weltberühmtem Gemälde. Was verbirgt sich hinter dem so unergründlich scheinenden Lächeln der Mona Lisa?

Ein „echtes“ Lächeln erkennt man an den Augen

Aber wie erkennt man dann, ob ein Lächeln fröhlich, verbindend oder dominant gemeint ist? Paula Niedenthal ist überzeugt davon, dass wir diese Einordnung treffen, indem wir den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers nachahmen. In Studien konnte die Emotionsforscherin zeigen, dass Probanden die Mimik anderer am zutreffendsten deuten, wenn sie diese imitieren. Durch diese Mimikry gelingt es, sich in das Gegenüber zu versetzen – oder erleichtert dies zumindest, so die These der Emotionsforscherin. In eine ähnliche Richtung weisen Studien zu den so genannten Spiegelneuronen – Nervenzellen, die sowohl aktiv werden, wenn wir selbst etwas tun, als auch, wenn wir die Handlung bei anderen beobachten. Wenn uns jemand anlächelt, dann lächeln wir also nicht nur aus Höflichkeit zurück, sondern auch weil wir auf diese Weise erfahren, was er empfindet. Durch die Nachahmung können wir nachfühlen, ja mitfühlen. Tatsächlich zeigen Gehirnscans, dass das Betrachten eines fröhlichen Lächelns das Belohnungszentrum aktiviert und so für positive Gefühle sorgt. Und dieses Hirnareal wird auch dann aktiv, wenn dieser freudige Ausdruck auf dem eigenen Gesicht erscheint. Ein Begrüßungslächeln dagegen geht mit erhöhter Aktivität im orbitofrontalen Cortex einher, einem Bereich des Gehirns, der unter anderem dann in Aktion tritt, wenn wir über Menschen nachdenken, die uns besonders nahe stehen. Versuche mit Probanden, denen das lähmende Nervengift Botox in bestimmte Gesichtsmuskel gespritzt wurde, deuten ebenfalls auf einen Zusammenhang zwischen der eigenen Mimik und der Wahrnehmung von Emotionen anderer Menschen hin. So konnten Forscher um Bernhard Haslinger von der Technischen Universität München zeigen, dass die kosmetische Behandlung von Zornesfalten mit Botox auch die Aktivität in Gehirnarealen herabsetzt, die bei der Verarbeitung von Emotionen eine entscheidende Rolle spielen, wie die Amygdala.

Das flüchtige Lächeln der Mona Lisa

Die Nachahmung der Mimik könnte auch erklären, wie Menschen echtes und falsches Lächeln auseinanderhalten. Imitiert man ein „falsches“ Lächeln, würden demnach andere Gehirnareale aktiv als bei einem „echten“ Lächeln. Dadurch würde der Betrachter erkennen, dass etwas nicht stimmt.

Experimente stützen die Theorie: So zeigte Paula Niedenthal Studenten Bilder von Personen, die wirklich lächeln und solchen, die nur so tun. Die Studenten konnten die beiden Gruppen zunächst gut unterscheiden. Dann ließ sie ihre Probanden bei der Aufgabe auf einen Bleistift beißen, so dass die Muskeln, die sonst ein Lächeln andeuten könnten, blockiert waren – und ihre Fähigkeit, echtes und falsches Lächeln auseinander zu halten, sank deutlich.

Und das Lächeln der Mona Lisa? Warum fällt es so schwer, es einzuordnen, auch wenn wir gerade nicht auf einem Bleistift kauen? Forscher glauben, dass es sich dabei vor allem um einen optischen Effekt handelt. Meist schauen Menschen bei einem Porträt zuerst auf die Augen. Der Mund der Mona Lisa befindet sich dann in der Peripherie des Blickfeldes. Menschen nehmen dort weniger Details wahr und so erscheinen die Schatten unter den Wangenknochen wie ein Lächeln. Sobald sich der Blick aber auf die Lippen richtet, verschwindet der Eindruck. Das Lächeln der Mona Lisa existiert also nur, solange man nicht genau hinschaut.

(Quelle: www.dasGehirn.info – ein Projekt der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft e. V. in Zusammenarbeit mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe)

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