Schau mir in die Augen, Kleines!

Die Mimik anderer zu deuten, ist eine universelle Fähigkeit. Und doch entdeckten Wissenschaftler feine kulturelle Unterschiede in der Deutung von Emotionen – je nachdem, ob sie US-amerikanische oder japanische Probanden untersuchten.

Als Kind war der Japaner Masaki Yuki fasziniert von Fotografien US-amerikanischer Stars. Aber er betrachtete die Bilder nicht allein wegen der Schönheit oder Berühmtheit der Porträtierten. Irgendetwas irritierte ihn: „Ihr Lächeln wirkte eigenartig auf mich“, erklärte Yuki später dem Online-Magazin Lifescience. „Sie öffneten ihren Mund zu weit und zogen die Mundwinkel auf übertriebene Art nach oben.“

Eigentlich gilt das Erkennen von Gesichtsausdrücken als universelle Eigenschaft. Zahlreiche Studien haben belegt, dass Menschen unterschiedlichster Kulturkreise in den Gesichtern anderer mit großer Genauigkeit Freude, Wut, Enttäuschung oder eine andere Gefühlsregung lesen können. Auch Masaki Yuki war dazu in der Lage. Und doch fand er die Bilder aus der fremden Kultur so merkwürdig, dass er diesen Eindruck Jahre später noch nicht vergessen hatte.

Inzwischen ist Masaki Yuki Sozialpsychologe und arbeitet an der Universität von Hokkaido. Dort beschloss er, dem Phänomen im Rahmen seiner Studien auf den Grund zu gehen. Als Ausgangspunkt hierfür nahm er die Theorie von Hilary Anger Elfenbein von der Washington University in St. Louis und Nalini Ambady von der Tufts University in Medford, USA. Die beiden Forscherinnen vermuten, dass es auch in der nonverbalen Kommunikation so etwas wie „kulturelle Dialekte“ gibt, also die Existenz von Eigenheiten, die innerhalb einer bestimmten Kultur benutzt und verstanden werden. So kann beispielsweise das Hochziehen einer Augenbraue in einer Kultur Skepsis ausdrücken – in einer anderen Kultur wird die Gefühlsregung jedoch womöglich ganz anders gezeigt.

Dialekt der Gefühle

Yuki nun nahm an, dass sich die „kulturellen Dialekte“ möglicherweise nicht nur im Ausdruck von Gefühlen äußern, sondern auch in der Interpretation von Gesichtsausdrücken. Um dies zu überprüfen, wählte er Probanden aus Japan und aus Amerika aus, die er zwei Tests unterzog.

Beim ersten Versuch wurden den Teilnehmern so genannte Emoticons vorgelegt, also computergenerierte Smileys, die in der elektronischen Konversation Freude, Trauer, Überraschung oder viele andere Emotionen ausdrücken sollen. Diese Symbole jedoch sind in Japan anders zusammengesetzt als in den USA und Europa: Während im westlichen Raum der stilisierte Mund das Gefühl kennzeichnet und etwa :-( für Trauer steht, während :-) Freude bedeutet, verändern im asiatischen Raum jeweils die Augen den dargestellten Ausdruck: Glücklich sieht bei japanischen Emoticons so aus: ˆ_ˆ, traurig so: ó_ò, und überrascht so: O.O.

In der Studie wurden den Probanden darum Emoticons mit sechs verschiedenen Augen-Mund-Kombinationen vorgelegt: Ein Emoticon zeigte zum Beispiel einen lachenden Mund, aber traurige Augen, ein anderes einen neutralen Mund, aber freudige Augen. Die Testpersonen sollten interpretieren, welches Gefühl jedes Emoticon zum Ausdruck bringt. Das Ergebnis bestätigte Yukis Annahme: Im Vergleich bewerteten Japaner die Symbole mit glücklichen Augen aber neutralem Mund eher mit dem Attribut „glücklich“, als dies US-Amerikaner taten. Diese wiederum sprachen eher auf Smileys an, deren Glück durch den Mund signalisiert wurde – egal, ob die Augen neutral oder traurig wirkten.

Glückliche Augen, glücklicher Mund

Nun kann man natürlich einwenden, dass die Japaner einen kulturellen Vorteil hatten, weil sie die im Westen fremden Zeichen für glückliche oder traurige Augen schon kannten. Dennoch glaubte Yuki, eine Tendenz feststellen zu können: Japaner, vermutete er, achten bei der Emotionserkennung mehr auf die Augen, US-Amerikaner mehr auf den Mund. Um diese These zu überprüfen, verglich er wieder japanische und amerikanische Probanden, diesmal mit Fotos menschlicher Gesichter, die er am Computer so bearbeitete, dass sie mit den Augen und dem Mund unterschiedliche Gefühle transportierten: Mal waren die Augen fröhlich, aber der Mund neutral, mal lachte der Mund, aber die Augen stammten aus einem traurigen Gesicht. Die Probanden sollten erklären, welches Gefühl die jeweiligen Gesichter zeigten. „Wieder wogen für die Japaner die Hinweise in den Augen schwerer als für die Amerikaner, sie bewerteten Gesichter mit glücklichen Augen als glücklicher, und Gesichter mit traurigen Augen als trauriger“, fasst Yuki das Ergebnis zusammen.

Unterschiedliche Augenbewegungen

Zwei Jahre später konnte die These kultureller Unterschiede bei der Erkennung von Emotionen erhärtet werden. Ein Team um den Psychologen Roberto Caldera von der schottischen University of Glasgow zeigte 2009 je 13 westlichen und asiatischen Probanden Gesichter mit den weltweit als einheitlich geltenden Basisemotionen Freude, Überraschung, Angst, Ekel, Ärger und Trauer. Während diese den Gefühlsausdruck erkennen sollten, wurden ihre Augenbewegungen aufgezeichnet.

Hier bestätigte sich Yukis Vermutung: Die westlichen Teilnehmer ließen ihren Blick quer über das Gesicht wandern und widmeten dem Mund besonders viel Aufmerksamkeit. Die asiatischen Teilnehmer, die alle erst wenige Tage zuvor aus ihrem Heimatland nach Schottland gezogen waren, fixierten dagegen eher den Bereich um die Augen. Ihnen fiel es nachweislich schwerer als den westlichen Probanden, Angst und Überraschung sowie Ekel und Ärger auseinanderzuhalten. Kein Wunder: Diese Gefühlspaare unterscheiden sich nur in der Mund-, nicht aber in der Augenpartie.

Auf den ersten Blick erwecken diese Ergebnisse den Eindruck, dass es japanischen Probanden aufgrund ihrer Augenfixierung schwerer falle, Emotionen zu erkennen. Nach Ansicht von Masaki Yuki und anderen Forschern ist dies aber dennoch keine Unzulänglichkeit, sondern im asiatischen Kulturkreis sinnvoll: Studien zufolge neigen Angehörige kollektivistischer Gesellschaften wie der in Japan dazu, ihre Gefühle zu kontrollieren und zu unterdrücken, um die soziale Harmonie nicht zu gefährden. Sie lächeln weniger intensiv, zeigen Wut oder Angst seltener. Wenn der Mund als der expressivste Teil des Gesichtes aber „gezähmt“ ist, wäre es für Japaner geschickt, sich eher auf die Augen zu konzentrieren, die sich nicht so leicht willentlich kontrollieren lassen.

Westliche Kulturen hingegen lassen ihren Gefühlen freien Lauf und nutzen diese Tatsache auch bei der Gesichtserkennung, indem sie sich eher auf den Mund konzentrieren – eben jenen Mund, der Masaki Yuki beim Betrachten der Fotos US-amerikanischer Berühmtheiten so irritierte, weil er fand, dass er oft übertrieben zum Lachen verzogen sei.

 

(Quelle: www.dasGehirn.info – ein Projekt der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft e. V. in Zusammenarbeit mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe)

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