Ich sehe, was du fühlst

Trauer, Wut, Freude – das Antlitz des Gegenübers verrät viel. Schon Babys können Gesichtsausdrücke deuten – aus gutem Grund: Weil die Mimik Gefühle offenbart, ist sie bedeutsamer Teil menschlicher Kommunikation und Interaktion.

Es ist eine mehr als unangenehme Situation: Der Verdächtige in einem Mordfall sitzt einem schlaksigen, schlecht rasierten Mann gegenüber, der ihn unentwegt anstarrt. Wieder einmal muss er seine Aussage machen – und der Mann beobachtet dabei jede Regung seines Gesichtes, jedes Stirnrunzeln, Augenzucken oder das Zittern der Oberlippe. Und plötzlich sagt er: „Der Verdächtige lügt. Seine Geschichte stimmt so nicht.“ Erkannt haben will er das an winzigen Veränderungen im Gesicht des Verdächtigen.

Klingt wie ein Film? Das ist es auch. In der Fernseh-Serie „Lie to me“ hilft der Psychologe Cal Lightman auf diese Weise der Polizei, Kriminalfälle zu lösen. Doch Lightman gibt es auch in Wirklichkeit. Im wahren Leben heißt er Paul Ekman, ist ebenfalls Psychologe – und hat sich nach jahrelanger Forschungstätigkeit darauf spezialisiert, Polizei und Fachkräften das Lesen der Mimik Anderer beizubringen. „Die Wissenschaft weiß genug darüber, wie jemand aussieht, der lügt. Es wäre fahrlässig, dieses Wissen nicht einzusetzen“, sagt Ekman.

Jeder Mensch zeigt seine Gefühle über die Mimik in seinem Gesicht, ob er will oder nicht. Wenn wir Freude, Angst oder Trauer empfinden, sorgen diese Gefühle für das Feuern von Neuronengruppen, die wiederum die Kontraktion bestimmter mimischer Muskeln auslösen – unsere Gesichtsausdrücke. Manche Menschen sind gut darin, diese Emotionen im Gesicht zu verbergen. Doch Fachleute wie Ekman sind sich sicher: Irgendwo in der Mimik verrät sich das wahre Gefühl am Ende doch.

Mimik als universelle Sprache

Studien haben gezeigt, dass ein bestimmtes Mimik-Repertoire allen Menschen auf dieser Welt gemeinsam ist, ob sie nun Japaner, Deutsche oder Inder sind. Auch Menschen, die von Geburt an blind sind, zeigen eine identische Mimik, die von einem Set aus fünf Muskelgruppen im Gesicht bestimmt wird. So kommt es, dass die so genannten Basisemotionen Trauer, Ärger, Ekel, Angst, Überraschung und Freude bei jedem Menschen auf dieser Welt ähnlich aussehen. Empfinden wir zum Beispiel Angst, sind die Augenbrauen hochgezogen, die Augen aufgerissen und die Nasenflügel geweitet. Spüren wir Ekel, verzieht sich die Oberlippe asymmetrisch, die Nase ist gekräuselt, die Augen werden schmaler.

Gesichtsausdrücke lesen zu können, ist uns praktisch in die Wiege gelegt: Schon Babys zeigen sich erstaunlich gut darin, die Mimik Anderer als Signale für deren Befinden zu deuten. Die Basisemotionen, die sich in unseren Gesichtern spiegeln, werden von allen Kulturkreisen auf dieser Welt verstanden. Dies gilt auch für Gruppen, die von der Außenwelt weitgehend abgeschlossen leben, so wie manche Ureinwohner Papua-Neuguineas, die Paul Ekman 1966 besuchte. Damals zeigte der Forscher den dort lebenden Angehörigen zurückgezogener Ur-Völker Fotos bestimmter Gesichtsausdrücke. Dann fragte er seine Probanden, welche Person auf den Fotos wohl gerade ein Kind verloren habe oder sich vor einem verwesenden Tier ekle. Die Ureinwohner hatten mit der Antwort keinerlei Mühe.

Gefühle erkennen hilft beim Zusammenleben

„Emotionale Ausdrücke sind zentral für die Entwicklung und Regulierung von interpersonalen Beziehungen“, schreibt Ekman in einer Zusammenfassung seiner Arbeit. Durch die Mimik zeigen wir Anderen unbewusst, was wir fühlen, welche Ursache dieses Gefühl möglicherweise hat, und was wir vermutlich als nächstes tun werden. Gerade in großen Gruppen ist eine solche Art der Verständigung von Vorteil: Denn auch wenn man jemanden nicht kennt und deshalb kaum einschätzen kann, reagiert man doch instinktiv auf dessen Mienenspiel. Wirkt es verärgert oder aggressiv, zieht man sich eher zurück, als das Gegenüber noch zu provozieren. Der Gesichtsausdruck liefert aber nicht nur anderen wichtige Informationen. Er beeinflusst auch, wie man selbst die Umwelt wahrnimmt. Wer die Augen im Schreck weit aufreißt, so vermutete schon Charles Darwin (1809 -1882), nimmt möglicherweise Sinneseindrücke schneller wahr. Im Jahr 2008 konnten die Forscher Joshua Susskind und Adam Anderson von der University of Toronto die These des Begründers der modernen Evolutionslehre empirisch belegen: Messungen an Probanden zeigten, dass ängstlich aufgerissene Augen das obere Sehfeld erweitern. Zusätzlich beschleunigen sich die Augensuchbewegungen, was ebenfalls die visuelle Wahrnehmung fördert. Die geweiteten Nasenflügel, ergab ein Atemtest, lassen zudem mehr Luft in die Lunge strömen. So ist man angesichts einer Bedrohung bestens für eine mögliche Flucht gerüstet. Und signalisiert gleichzeitig anderen, dass etwas in der Umgebung gefährlich sein könnte.

Nachmachen um Nachzuempfinden

Doch wie gelingt es überhaupt, die Gesichtsausdrücke Anderer zu deuten? Wissenschaftler vermuten derzeit, dass wir die Mimik instinktiv nachahmen – und so die Gefühle, die damit verbunden sind, nachempfinden können. Hierfür spricht, dass bestimmte Gesichtsausdrücke beim Betrachter oft die entsprechenden Emotionen auslösen: Wer angelächelt wird, muss selbst lächeln, wer in ein ärgerliches Gesicht blickt, wird meist selbst wütend. Auslöser für diese Übertragung könnte eine Aktivität der Amygdala sein, welche die eintreffenden Signale auf ihren emotionalen Gehalt hin überprüft und dann selbst entsprechende Emotionen generiert.

Belege zu dieser Theorie einer Empathie durch Nachahmen lieferten zudem Experimente mit transkranieller Magnetstimulation. Mit Hilfe sehr starker Magnetfelder wurden bei Versuchsteilnehmern kurzzeitig Teile des motorischen Cortex lahmgelegt. Dieser Bereich der Hirnrinde steuert die gesamte Muskulatur und wird somit auch für den Gesichtsausdruck benötigt. Die Folgen waren verblüffend konkret: Der Möglichkeit beraubt, die Mimik ihres Gegenübers nachzumachen, waren die Probanden kaum noch in der Lage, dessen Emotionen zu deuten. Egal wie fröhlich, freundlich und offen dieser dreinschaute.Was aus einem Gesicht spricht, ist allerdings keineswegs immer die Wahrheit. Auf Grund gesellschaftlicher Konventionen oder einfach nur, um unnötigen Komplikationen aus dem Weg zu gehen, sehen wir uns im sozialen Miteinander tagtäglich gezwungen, unsere wahren Emotionen zu verbergen, aus Höflichkeit zu lächeln oder Mitgefühl zu heucheln. Manch einer versteht sich sogar meisterlich darauf, anderen Absichten oder Gefühle vorzugaukeln, die er gar nicht empfindet. Doch vor Experten wie Paul Ekman sind auch solche Mimen nicht sicher.

„Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass sich Gesichtsausdrücke subtil unterscheiden, wenn ein Lächeln unfreiwillig aufgrund der einen oder anderen positiven Gefühlsregung erscheint, oder wenn es ein soziales oder bewusst falsches Lächeln ist“, meint Ekman. Verräterisch sind vor allem die Augen: Bei echtem Lächeln werden unbewusst auch die Muskeln um die Augen herum kontrahiert, die typischen Lachfältchen entstehen. Lächelt man hingegen absichtlich, bleibt die Region um die Augen entspannt. Es mag zwar nicht ganz ehrlich sein, doch auch ein gespieltes soziales Lächeln kann Positives bewirken. Studien ergaben, dass Menschen, die eine gewisse Zeit willentlich lächeln, nach einer Weile ein leichtes Glücksgefühl empfinden. Und so möglicherweise nicht nur sich selbst glücklicher stimmen, sondern auch andere, die ihr Lächeln übernehmen.

 

(Quelle: www.dasGehirn.info – ein Projekt der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft e. V. in Zusammenarbeit mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe)

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